Mehr von Sandra |
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Irma, meine liebste Freundin, kommt in einem karierten Hemd und gestreiften Shorts ins Café. Sie sieht aus wie ein Schmetterling als Raupe verkleidet. „Die Streifen machen dich nicht eben schlank“, spotte ich. Irma verzieht ihr Gesicht. „Nörglerin!“, sagt sie und reicht mir zur Begrüßung die Hand.
„Ich, eine Nörglerin“, rufe ich empört. „Darf ich meine Meinung nicht sagen?“ Irma küsst meinen Handrücken. „Konstruktive Kritik ist die Infragestellung der kritisierten Materie mit der Bereitschaft zur Offenheit für neue, unerwartete Impulse, liebe Mette.“ Wütend entziehe ich ihr meine Hand. „Red` bitte deutsch mit mir. Seit wann passen überhaupt rote Streifen zu orangenen Karos?“ Irma lässt sich nicht beirren. „Das meine ich eben, Mette. Warum ist Rot mit Orange oder Vierecke mit Strichen hässlich?“ Ich schüttele mich, als würde eine Made über meinen Arm kriechen. „Seit wann ist so ein scheußliches Outfit chic? Das war es noch nie. Das kann dir jede sagen!“, finde ich. Die Bedienung hat Milch und Zucker zum Kaffee vergessen. Ärgerlich! Als sie die Sachen endlich bringt, ist die schwarze Brühe kalt. Allerdings traue ich mich jetzt nicht mehr mich zu beschweren. Muss ich alles schlucken, nur um keine Nörglerin zu sein? „Du! Irma! Gehörst also auch zu den Frauen für die das erste Gebot gesellschaftlichen Umgangs - Du – sollst - nicht - kritisieren - heißt.“ Und trinke einen Schluck kalten Kaffee. Wer schön sein will, muss leiden, heißt es ja. „Ich mag es zu kritisieren. Und kritisiert zu werden, liebe Mette. Solange es um eigenes Denken und Handeln geht.“ Irma zupft an ihren Shorts und fragt: „Wer behauptet, dass Kariert und Gestreift nicht zusammenpassen?“ Ich zucke die Schulter. Es ist mir zu blöd, über hässliche Schöngeisterei zu diskutieren. Irma ruft die Serviertochter herbei und bestellt betont einen heißen Kaffee. Zu mir sagt sie: „Nur weil sich niemand so anzieht wie ich, bist du nicht im Recht. Du hast nicht das bessere Argument, weil mich niemand stylisch findet.“ Ich setze mein schönstes Lächeln auf. „Also gut, Irma, zieh dich an wie du willst. Und was du willst. Ich halte meinen Mund. Und sage nichts mehr.“ Irma stöhnt auf und schüttelt den Kopf. „Du willst nicht verstehen. Mette!“ Ich spiele mit dem Henkel der Tasse und denke: „Dazu habe ich auch keine Lust.“ Irma dreht Däumchen. „Wir sind lange genug Freundinnen, Mette. Du solltest wissen, solange du deine Meinung in Frage stellen lässt, darfst du mir alles sagen.“
Ich erinnere mich an meine Eltern, die an mir herumnörgelten: „Iss nicht mit vollem Mund. Dreh die Zahnpastatube zu. Zieh dich so und nicht anders an.“ Sie ließen mir nie die Freiheit eigen zu sein. Sie fragten nicht danach, was an ihren Ermahnungen gefährlich sein könnte. Und warum man dies oder jenes nicht tut. Später schlugen meine Freundinnen in dieselbe Kerbe. Sie versuchten mich zu ändern wie ich jetzt meine Irma. Trotzdem, warum versteht sie mich nicht? Sie sieht so hässlich aus! Dieses Outfit muss doch nicht sein. Ich schäme mich so. Und schaue verstohlen ins Café, ob wir ausgelacht werden.
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